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Was macht eigentlich ein Physician Assistant in … der Wirbelsäulenchirurgie?

Alisa war so nett und hat sich unseren Fragen gestellt. Das Interview über ihren Berufsalltag findet Ihr unten.

Warum hast Du Dich für das Studium zum Physician Assistant entschieden?
Nach meinem Abitur 2012 wusste ich, dass ich gerne im Medizinbereich arbeiten möchte. Noch unschlüssig wo genau die Reise für mich hingehen soll, absolvierte ich daher zunächst die Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin. Hier merkte ich bereits, dass ich mehr Verantwortung übernehmen möchte und schaute mich nach möglichen Optionen um. Über einen Artikel des Forbes Magazine kam ich auf den PA. Er wurde hier als einer der zukunftweisenden medizinischen Berufe dargestellt. Das Konzept gefiel mir auf Anhieb. Ich informierte mich über Möglichkeiten in Deutschland, schloss meine Ausbildung ab und startete im darauffolgenden Monat in mein Studium. Ich denke es ist ein interessantes Berufsbild mit vielen Einsatzmöglichkeiten und Zukunftsperspektive.

An welcher Universität/Fachhochschule hast du studiert und warst Du zufrieden mit dem Studium?
Ich absolvierte mein Studium an der CRMS Frankfurt, da im Jahr 2015 die OTA Ausbildung als Zugangsvoraussetzung an der DHB Karlsruhe noch nicht anerkannt wurde. Der berufsbegleitende Studiengang wurde an der CRMS damals ebenfalls noch nicht angeboten. Ich muss sagen, dass ich etwas enttäuscht wurde. Der grundständige Studiengang war, wie ich persönlich denke, sehr auf die Basics ausgerichtet.

Fühltest Du Dich gut vorbereitet auf Deine jetzige Tätigkeit?
Seit Januar 2019 arbeite ich im Fachbereich der Wirbelsäulenchirurgie. Wir bieten dorsale wie ventrale Spondylodesen, Bandscheibenprothesen der HWS und LWS, Wirbelkörperersatz sowie Kyphoplastien an. Besonders hervorzuheben ist die gezielte Infiltrationstherapie zur (Differential)-Diagnostik und Schmerztherapie. Ab November diesen Jahres wechsel ich, aufgrund eines Umzugs, jedoch in den Fachbereich der Paraplegie. Das Studium hat mich hierbei auf die Grundlagen vorbereitet. Besonders hilfreich für meinen aktuellen Alltag waren jedoch nicht die Vorlesungen etc., sondern die Praktika welche im Studium integriert waren.

Wenn nein, welche Inhalte hättest Du Dir noch gewünscht?
Leider gab es bei uns an der CRMS zu meiner Zeit keinen EKG-Kurs, Lagerungskurs, Gipskurs, Strahlenschutzkurs, Sonographiekurs usw. Lediglich ein weniger Stunden dauernder Nahtkurs sowie ein zweitätiges Seminar durch eine externe Dozentin zum Thema Wundbehandlung wurden angeboten. In der OTA Ausbildung hatte ich glücklicherweise schon einige solcher Kurse absolviert und die Ausbildung hat mir rückblickend sehr viel geholfen. Solche Kurse hätte ich mir jedoch, wie viele andere Kommilitonen auch, gewünscht.

Wie kamst Du zu Deiner aktuellen Stelle und wie gelang Dir der Start ins Berufsleben?
Während des Studiums in Vollzeit arbeitete ich weiterhin als Werkstudentin PA/OTA 20h die Woche. So kam es, dass ich eines Tages von unserer OP-Leitung gefragt wurde, ob ich nicht heute bei unserem neuen Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie als Assistentin aushelfen könne. Auf die Nachfrage des Chefarztes warum er mich nicht öfter sehen würde antworte ich, dass ich eigentlich in Vollzeit PA studiere und mehr als 20h im Werkstudentenvertrag nicht zugelassen sind. Er wusste sofort was ein PA ist und machte mir, direkt am OP-Tisch, ein Jobangebot. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch bereits zwei Angebote vorliegen. Nach Abwägen aller Punkte entschied ich mich dann tatsächlich für eben diesen Chef uns dessen Abteilung. So bin ich bereits seit Sommer 2017 in selbiger Klinik tätig. Da schnellstmöglich eine Unterstützung für das Team gesucht wurde, wechselte ich schon im Januar in die wirbelsäulenchirurgische Abteilung und beendete August 2019 mein Studium. Ab September ging es für mich dann direkt nahtlos in Vollzeit weiter. Der Start war wunderbar, da ich die Abteilung sowie das gesamte Team im Krankenhaus bereits kannte. Wirbelsäulenchirurgie war zudem bereits meine favorisierte Fachabteilung während der OTA Ausbildung gewesen. Daher fiel mir der Start leicht.

Wie sieht Dein normaler Arbeitsalltag aus?
Unser Team zeichnet sich durch absolutes Vertrauen untereinander und einen sehr familiären Umgang aus. Es besteht aus einem Chefarzt, einem Oberarzt und mir. Zudem arbeitet noch ein neurochirurgischer Belegarzt im Haus. Mein Arbeitsalltag beginnt Montag bis Freitag um 7 Uhr. Ich bereite die Visite vor d.h. checke Laborwerte, melde Röntgendiagnostik sowie weitere notwendige Diagnostik wie bspw. Sonographie, Echokardiographie oder Konsile an. Für unsere Abteilung begleite ich die Visite und setzte Besprochenes um. Bspw. Anpassung der Medikation etc. Hier arbeiten wir mit Standards, sodass ich hier auch im gesicherten Rahmen eigene Entscheidungen treffen kann. Ich bin auf Station für die Blutabnahmen, Vigos, BGA venös und arteriell, Blutkulturen, Wundkontrollen, Fadenzug, Verbandswechsel sowie Entfernung von Drainagen und PDKs zuständig. Wann und ob ein Patient*in eine Blutabnahme benötigt oder die Drainage entfernt werden kann, darf ich inzwischen selbst entscheiden. Auch die Interpretation der Laborwerte übernehme ich und melde Auffälligkeiten mit entsprechender Therapieempfehlung weiter. Ich bin für die Arztbriefschreibung zuständig, für die Vorbereitung von Rezepten sowie Rehaanträge oder weitere Anträge, welche über den Sozialdienst laufen. Verlegungsplanung läuft ebenfalls über mich. Dies beinhaltet Verlegung in KZP, Reha oder auch Krankenhäuser. Für die Kommunikation mit Arztpraxen, anderen Krankenhäusern oder Angehörigen bin ebenfalls ich zuständig. Ich habe inzwischen eine zweimal pro Woche stattfindende eigene Aufnahmesprechstunde. Hier stellen sich Patienten vor (unsere Abteilung sowie Belegarzt) welche einen OP-Termin erhalten haben. Ich überprüfe Nebendiagnosen, Vorerkrankungen, Hausmedikation, Allergien etc. um mögliche Komplikationen im Vorfeld zu erkennen oder auf bestimmte Dinge wie Allergien etc. eingehen zu können. Fällt mir hierbei bspw. eine Medikation mit NOAK/OAK auf informiere ich Patienten über das weitere Vorgehen. Ebenso erstelle ich Infoblätter für Station, damit diese bspw. über Erkrankungen wie Diabetes, Gerinnungsstörungen oder Niereninsuffizienz u.v.m. informiert ist und den Patienten ideal versorgen kann. Ich assistiere in der Sprechstunde und führe in der ZNA auch Anamnese/Untersuchungen durch. Muss ein Patient stationär aufgenommen werden übernehme ich die stationäre Aufnahme. Röntgen-/MRT-/sowie CT-Diagnostik bekomme meist ich als Erstes zu Gesicht. Inzwischen kann ich diese befunden und wende mich dann zur Planung des weiteren Vorgehens an meine ärztlichen Kollegen. Ich führe vorbereitende Aufklärungen für Patienten durch und stehe für Fragen zu OP-Methoden oder postoperativem Verhalten zur Verfügung. Sollte unser MTRA für unsere dreimalig in der Woche stattfindende Infiltrationstherapie nicht zur Verfügung stehen assistiere ich hier zudem auch. Man kann also sagen, dass ich größtenteils die Tätigkeiten eines Stationsarztes übernehme. Für unseren Belegarzt bin ich seit September 2019 ebenfalls zuständig. Hier übernehme ich, anhand einer speziell erstellten SOP (diese beinhaltete Medikamentengabe, Labor, Röntgendiagnostik etc.), die komplette Patientenversorgung nach erfolgter Operation auf Station. QM sowie das Erstellen von SOPs oder Patienteninfoblätter gehören ebenfalls zu meinem Aufgabenfeld.

Du arbeitest also auch im Op? Welche Aufgaben übernimmst Du dort?
Zu Beginn war ich auch viel im OP-Bereich tätig. Ich assistierte bei Operationen als meist 1. Assistenz. Nähte bspw. Wunden und half auch bei der Lagerung des Patienten. Hier hat mir natürlich meine OTA-Tätigkeit sehr geholfen. Inzwischen bin ich außerhalb des OP-Bereiches jedoch so zeitlich eingespannt, dass ich aktuell nicht mehr im OP tätig bin. Das gefällt mir auch sehr gut, da mir die Arbeit mit den Patienten*innen und vor allem die Kommunikation besondere Freude bereitet.

Konntest Du die praktischen Fähigkeiten bereits vor Antritt der Stelle oder wurden Sie Dir beigebracht?
Viele meiner praktischen Fähigkeiten konnte ich, aufgrund meiner Ausbildung und Praktika, bereits schon vor dem Antritt meiner Stelle ausüben Bspw. Blutabnahmen, BGA, Vigos legen, Drainagen entfernen, Wundversorgung oder Nähen. Die Befundung von MRT/CT/RTG-Bildgebung lernte ich jedoch in der Praxis und dies, was mich selbst überraschte, sehr schnell. Es liegt sicherlich daran, dass mein Chef mich dreimal pro Woche seiner Sprechstunde assistieren lies und ich jede einzelne Bildgebung mit ihm durchsprechen konnte. Er nahm sich viel Zeit. Als ich also nach 8 Monaten Werkstudententätigkeit in die Vollzeit startete hatte ich bereits hunderte Bildgebungen befunden können. Inzwischen sage ich ihm was ich sehe und er gibt mir nur noch eine kurze Rückmeldung. Ich bin aktuell sehr daran interessiert mich im Bereich Schmerztherapie und Wundmanagement fortzubilden und suche hier bereits nach Möglichkeiten einer Weiterbildung. Meine größte Herausforderung liegt im Bereich EKG. Hiermit habe ich aktuell wenig zu tun und wenig Übung. Wann immer also ein EKG geschrieben wird versuche ich mich in der Befundung und bespreche meine Einschätzung mit den Kardiologen. Wie überall zählt sicherlich das Motto „Übung macht den Meister“.

Welche Qualifikationen sind Deiner Meinung nach wichtig für einen PA?
Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein – auf diesen beiden Grundpfeilern baut alles auf. Ich denke welche Qualifikationen benötigt werden hängt auch sehr mit den jeweiligen Fachabteilung zusammen. Sicherlich müssen Grundkenntnisse in Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie, medizinsicher Terminologie etc. vorliegen. Besonders wichtig finde ich jedoch Kenntnisse in Labordiagnostik, Pharmakologie und Untersuchungsverfahren.

Gibt es Aufgaben die Du außerhalb deiner Routinetätigkeiten erledigst?
Ich bin auf Station oft Ansprechpartner und Begleiter von studentischen Praktikanten. Erst am Freitag fungierte ich als Anleiterin und gleichzeitiges Nadelkissen für einen sehr engagierten und interessierten Medizinstudenten zum Lernen von Blutabnahmen Ich halte Vorträge bei Patienteninfoveranstaltungen / Tag der offenen Tür zum Thema Schmerztherapie/Infiltrationsbehandlung oder ventraler Wirbelsäulenchirurgie. Hierzu erstelle ich selbstständig die auch meine Präsentationen. Mitarbeiterweiterbildungsveranstaltungen zu unserem Fachbereich gehören ebenfalls zu meinen Aufgaben. Ich engagiere mich bei der Artemed Stiftung mit welcher ich bspw. 2018 mit den Irawaddy Rivers Docs in Myanmar unterwegs war. Kollegen und Kolleginnen aus dem Pflegebereich sowie Krankenpflegeschüler*innen bringe ich das Entfernen von Drainagen und PDKs sowie Blutabnahmen und Legen von Vigos bei.

Wie kam das Berufsbild bei anderen Berufsgruppen an?
Bei uns im Krankenhaus war ich der erste PA. Nahezu niemand kannte das Berufsbild. Ich habe sehr viel Werbung schon während meines Studiums für uns PAs betrieben und am ersten Arbeitstag eine Infomail mit dem rechtlichen Hintergrund etc. verschickt. Ich wurde voll in das gesamte Team integriert. Zu keinem Zeitpunkt gab es irgendwelche Probleme oder Unstimmigkeiten. Ich kann mich wirklich sehr glücklich schätzen, da ich von befreundeten PAs auch schon andere Rückmeldung erhalten habe. Leider scheint es manchmal so verstanden zu werden, als würden wir Ärzten die Jobs wegnehmen wollen. Dass wir jedoch im Gegenteil eher zu deren Entlastung da sind, scheint noch nicht allen bekannt zu sein. Hier sind die Chefs gefragt dem Team die „Angst vor Neuem“ zu nehmen.

Strebst Du einen Masterstudiengang an?
Interesse an Weiterbildung habe ich immer. So habe ich seit September 2019 bereits zwei Weiterbildungen an der Apollon Hochschule (Fernkurse) absolviert. Drei Monate Medical Writing sowie 5 Monate Gerontologie mit Gerontopsychologie. In naher Zukunft würde ich mir die Weiterbildung zum Wundmanager wünschen. Sollte es ein Masterstudiengang geben welche mich interessiert, würde ich darüber nachdenken. Ich habe aktuell von einem Master für Schmerztherapie gehört – und bin hier gerade dabei mich zu informieren.

Hast Du eine Zukunftsvision für das Berufsbild?
Ich hoffe, dass sich der PA in den nächsten Jahren weiter etabliert. Ich würde mir wünschen, dass die Inhalte des Studiums zentral vorgegeben werden und sich so ein gleichwertiges Niveau einstellt. Ich empfinde den grundständigen Studiengang ohne Vorausbildung leider als nicht zukunftsfähig und schließe mich der Empfehlung der BÄK an, dass der PA eine „Weiterbildung für Pflegeberufe“ darstellt. Ich hoffe sehr, dass sich zukünftig junge Menschen für das Studium des Berufes wegen entscheiden und nicht nur Physician Assistance studieren, weil sie für das Medizinstudium nicht angenommen wurden. Ich denke die größte Gefahr für unsere Berufsbild sind Studenten/PAs welche versuchen Ärzte zu ersetzen dadurch geltendes Recht verletzten, Kompetenzen überschreiten und evtl. Patienten*innen gefährden. Ich würde mir einen Tarifvertrag für PAs wünschen, welcher die Verantwortung die wir tragen honoriert.

Welche Empfehlung kannst Du PA-Student*innen geben ?
Studiert den PA, weil ich euch das Berufsbild interessiert! Klärt euch im Vorfeld über die rechtliche aktuell Situation auf! Ein guter PA wird meiner Meinung nach wer sich engagiert und dem bewusst ist, welche Verantwortung er später trägt. Absolviert im Vorfeld ein Praktikum bei einem PA und schaut euch dessen Alltag an! Der PA ist für mich der absolute Traumberuf. Ein Arbeitsplatz im Gesundheitswesen hat jedoch sicherlich auch seine Tücken. Lasst euch daher nicht vom schönen Schein vieler Internetseiten zu Gehalt etc. blenden! Zeit Eigeninitiative und informiert euch bei sicheren Quellen.

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